Italien beschleunigt die Rückkehr zur zivilen Kernenergie. Nach Beratungen am 16. September 2026 im Senat treibt das Parlamento die Legge delega sul nucleare voran. Die Vorlage ermächtigt die Regierung, die Grundzüge des Programms per Umsetzungsdekreten festzulegen. Der Minister für Umwelt und Energiesicherheit, Gilberto Pichetto Fratin, bekräftigte, die Dekrete bis Ende 2026 zu erlassen; als realistischen Zeitkorridor für erste inländische Einspeisungen nannte er die Jahre 2033 bis 2035.
Der aktuelle Schritt zielt darauf ab, Zuständigkeiten, Verfahren und Fristen zu bündeln. Der Entwurf deckt Standortfragen, Genehmigungsabläufe, Sicherheitsstandards, Rückbau und Entsorgung radioaktiver Abfälle ab. Technologisch setzt die Regierung neben großen Anlagen vor allem auf reattori modulari di piccola taglia (SMR). Parallel werden Forschung und Erprobung ausgebaut, unter anderem über den Programma di Ricerca Nucleare beim Consiglio Nazionale delle Ricerche.
Aufsichts- und Prüfstellen mahnen jedoch mehr analytische Fundierung an. Die Regulierungsbehörde ARERA und parlamentarische Dossiers verweisen darauf, dass stichhaltige Kosten-Nutzen-Analysen bislang fehlen. Insbesondere verlangen sie Vergleiche der Stromgestehungskosten mit erneuerbaren Energien und Speichern, belastbare Annahmen zu Bauzeiten, Haftungsregeln, Finanzierungsmodellen sowie zu Rückbau und Endlagerung. In Berichten an Senat und Camera dei deputati wird zudem betont, dass internationale Erfahrungen mit Neubauten und SMR-Projekten keine allgemeingültigen Aussagen zu Kostensenkungen erlauben.
Die politische Zielsetzung ist klar: Planungs- und Genehmigungsverfahren sollen gestrafft, Zuständigkeiten gebündelt und Investitionspfade für Industrie und Forschung eröffnet werden. Zugleich bleibt der Zeithorizont lang. Selbst bei Erlass der Dekrete bis Ende 2026 ist mit einem mehrjährigen Standort- und Genehmigungsprozess zu rechnen, in dem Umweltverträglichkeitsprüfungen, Sicherheitsnachweise und regionale Beteiligungsverfahren zentrale Hürden darstellen dürften. Offizielle Aussagen verorten mögliche Inbetriebnahmen daher weiterhin in den 2030er Jahren.
Damit verlagert sich die Debatte vom Ob zum Wie: Kosten, Finanzierung, Regulierung und die Einbettung in die nationale Energie- und Klimaplanung treten in den Vordergrund. Regierungsangaben und behördliche Hinweise liegen vor; unabhängige ökonomische Bewertungen stehen in wesentlichen Punkten noch aus und werden vor finalen politischen Entscheidungen erwartet.
Redakteur: Phillipe Schmidt-Araguin (Artikel mit KI-Unterstützung).