Der französische Politologe Marc Lazar hat in einem am 4. September 2026 veröffentlichten Gespräch mit HuffPost Italia die Regierung von Giorgia Meloni als „stark in der Stabilität, schwach bei den Verbündeten“ charakterisiert. Das Interview von Federica Fantozzi bildet den aktuellen Anlass für eine erneute Debatte in Rom über die Bilanz der Regierungschefin und ihre Verankerung in Italien und Europa.
Lazar, Professor für Geschichte und Politische Soziologie an Sciences Po und Gastprofessor an der LUISS in Rom, bescheinigt Meloni innenpolitische Verlässlichkeit. Italien habe seit ihrem Amtsantritt keine Kabinettskrise erlebt, was im Vergleich zu früheren Legislaturen bemerkenswert sei. Diese Kontinuität sichere Planung und Entscheidungsfähigkeit, etwa in Haushalts- und Verwaltungsfragen. Zugleich verweist Lazar auf Risiken: Ohne greifbare Strukturreformen zur Steigerung der Produktivität und des langfristigen Wachstums drohe Stabilität zum Selbstzweck zu werden.
Als zweite Schwachstelle nennt Lazar die Lage der Verbündeten – nach innen wie nach außen. In der Koalition gebe es Konfliktlinien, die im Alltag überdeckt, aber nicht aufgelöst seien. In Europa sei die Position Italiens zwar sichtbarer, doch trage dies nur, wenn verlässliche Partnerschaften gepflegt und Prioritäten klar hinterlegt würden. Für die Außenwirkung reiche es nicht, auf die Dauer einer Regierung zu verweisen; entscheidend seien belastbare Koalitionen und die Glaubwürdigkeit bei Umsetzungsvorhaben.
Aus Lazars Befund folgt eine doppelte Einordnung: Faktisch hat die Regierung Meloni Stabilität geliefert. Zuschreibungen wie die Diagnose schwindender Rückendeckung stammen aus seiner Analyse. Prognostisch warnt er davor, dass politische Reibungen und fehlende Reformfortschritte Italiens Spielräume in der Europäischen Union einengen könnten. Die Tragfähigkeit des Kurses werde sich an konkreten Beschlüssen und an der Fähigkeit messen lassen, Streitpunkte in der Koalition einzuhegen und Partner in Europa zu binden.
Der Befund ist für Meloni ambivalent: Stabilität ist ein politisches Kapital, das Märkte und Verwaltung schätzen. Es verliert jedoch an Wert, wenn es nicht in messbare Ergebnisse und in robuste Allianzen übersetzt wird. Genau an dieser Schnittstelle sieht Lazar die größte Verwundbarkeit der Regierung Meloni – und den Prüfstein für ihre zweite Hälfte der Legislatur.
Redakteur: Phillipe Schmidt-Araguin (Artikel mit KI-Unterstützung).