Nach den jüngsten verfügbaren amtlichen Auswertungen verdienen versicherungspflichtig Beschäftigte in den Abruzzen im Durchschnitt deutlich weniger als im italienweiten Mittel. Die regionalen Bruttojahreslöhne liegen demnach um etwa 4.000 Euro unter dem Landesdurchschnitt. Darauf verweisen das Statistikamt ISTAT mit seinem Territorialbericht BesT und die Banca d’Italia in der Reihe Economie regionali, die ihre Analysen mit Daten bis zum Jahr 2023 untermauern und in den Jahren 2025 und 2026 veröffentlicht wurden.
Die Institute führen den Abstand vor allem auf die Branchenstruktur und die Betriebsgrößen in der Region zurück. In den Abruzzen haben kleine und mittlere Unternehmen ein hohes Gewicht; zugleich ist der Anteil saisonaler Tätigkeiten im Tourismus und in verbrauchernahen Dienstleistungen ausgeprägt. Niedriglohnsektoren prägen die Durchschnittswerte stärker als in industriell stärker diversifizierten Regionen Norditaliens. Innerhalb der Abruzzen bestehen zudem Unterschiede zwischen den Provinzen, die in Debatten häufig exemplarisch an Chieti und Teramo illustriert werden. Regionale Durchschnittswerte überdecken damit beträchtliche Spreizungen nach Sektor, Qualifikation und Gebiet.
Die ökonomischen Folgen sind vielschichtig. Eine anhaltende Lohnlücke dämpft die Kaufkraft der Haushalte, wirkt auf lokale Nachfrage, Wohnkosten und Konsumkredite und kann die Mobilität junger Fachkräfte verstärken. Gewerkschaften und regionale Verbände argumentieren, Gegenmaßnahmen müssten auf eine höhere Tarifbindung, Qualifizierung und gezielte Industriepolitik zielen, etwa über Investitionsanreize für produktivere Wertschöpfungsketten. Arbeitgeberorganisationen verweisen auf starke Wettbewerbs- und Kostendruckfaktoren sowie auf Produktivitätslücken, die sich nicht allein durch Lohnpolitik schließen lassen. Welche Instrumente greifen, hängt nach übereinstimmender Einschätzung der Institute von der konkreten sektoralen Ausgangslage ab.
Wichtig ist die Abgrenzung der Datengrundlage: Die herangezogenen Reihen spiegeln primär die bei der INPS gemeldete abhängige Beschäftigung wider. Selbständige, atypische und informelle Erwerbsformen werden nur teilweise erfasst. Zudem handelt es sich um rückblickende Reihen bis 2023; spätere Tarifabschlüsse, Energiepreisrückgänge oder Investitionsprogramme könnten die Lage verändern. Für eine belastbare Aktualisierung wären die nächsten Veröffentlichungen von ISTAT und der Banca d’Italia maßgeblich. Bis dahin legt die vorliegende Evidenz jedoch nahe, dass die strukturelle Lohnlücke in den Abruzzen fortbesteht und wirtschaftspolitische Priorität bleibt.
Redakteur: Daniel Mayer (Artikel mit KI-Unterstützung).