Heute in der Geschichte

Was geschah am 24. September in Italien?

Vom ersten großen Friedensmarsch zwischen Perugia und Assisi über den belagerungsentscheidenden Zugriff auf Ancona bis zur erzwungenen Küstenräumung im besetzten Neapel und zum Tod des Historikers Luigi Tosti: Der 24. September bündelt in Italien politische, militärische und zivilgesellschaftliche

Der 24. September ist in der italienischen Geschichte ein Datum mit auffallender Dichte. Es steht für den zivilgesellschaftlichen Aufbruch im Kalten Krieg, für einen Schlüsselmoment der Einigungskriege, für die Weichenstellung des „Biennio rosso“ und für die Eskalation der deutschen Besatzung in Neapel im September 1943. Ergänzt wird der Tag durch ein kulturhistorisches Schlusslicht: den Tod des Benediktiners und Historikers Luigi Tosti in Montecassino. Vier bis fünf Schlaglichter genügen, um diese Spannweite zu zeigen – stets exakt auf den Kalendertag 24. September datiert.

Italien am 24. September

24. September 1961: Perugia und Assisi tragen Italiens erste große Friedensdemonstration

Am 24. September 1961 führte Aldo Capitini die erste Marcia della Pace Perugia–Assisi an – „für den Frieden und die Brüderlichkeit der Völker“. Archivdokumente aus Umbrien fixieren den Tag der Premiere, die Route über rund 24 Kilometer von Perugia nach Assisi und die zivilgesellschaftliche Trägerschaft jenseits der Parteifahnen. Die bewusste Verbindung der modernen Provinzhauptstadt mit dem Symbolort des heiligen Franziskus verlieh der Veranstaltung eine geistige Signatur. Von der Region bis zu lokalen Museen und dem Movimento Nonviolento bestätigen einschlägige Quellen das Datum, den Organisator und den Charakter der Marcia, die sich später – meist im Zwei- bis Dreijahresrhythmus – als Ritualform des italienischen Pazifismus etablierte. Ihr Kern – bürgerliche Selbstermächtigung durch gewaltfreie Präsenz im öffentlichen Raum – wurde an diesem 24. September in das politische Gedächtnis des Landes eingeschrieben.

24. September 1860: Sardinische Truppen schließen den Belagerungsring um Ancona

Nach der Niederlage des päpstlichen Heeres bei Castelfidardo richtete sich der Blick der Einigungskriege auf Ancona. Ab dem 24. September 1860 belegte die Flotte von Admiral Carlo Pellion di Persano die Hafenfestung zur See, während die Landkräfte Manfredo Fantis die äußeren Stellungen angriffen; die Operationen führten am 29. September zur Einnahme der Stadt. Fachliche Darstellungen der italienischen Militärmuseen und Geschichtsüberblicke der Treccani bestätigen die Datierung der kurzen, aber entschiedenen Belagerung; die einschlägige Forschung ordnet den Fall Anconas als Knotenpunkt des Nation-Building ein, weil er die Integration der Marken administrativ und rechtlich beschleunigte. Damit verband sich Garibaldis Mezzogiorno-Feldzug mit dem monarchischen Einigungsprojekt – ein politisch-militärischer Schulterschluss, der am 24. September seine unwiderrufliche Dynamik gewann.

24. September 1920: Arbeiterschaft entscheidet im Referendum über das Fabrikabkommen

Im Hochsommerkonflikt des „Biennio rosso“ war nach der Vereinbarung zwischen Regierung, Unternehmerverband und Gewerkschaften vom 19. September 1920 die Belegschaftsbasis am Zug. Am 24. September legten die Gewerkschaften das Resultat – Lohnerhöhungen, betriebliche Mitwirkung, Ende der Besetzungen – den Arbeiterinnen und Arbeitern zur Abstimmung in den noch besetzten Betrieben vor. Ein Dokument des Parlamentsarchivs nennt ausdrücklich den 24. September als Termin der Referenden in den Werkstätten; regionale Chroniken, etwa aus Ligurien, berichten für denselben Stichtag von der Abstimmung. Das Votum bereitete die geordnete Räumung der Werke und die Wiederaufnahme der Produktion vor – eine politische Zäsur, die die enorme soziale Mobilisierung in einen reformerischen Kompromiss überführte, anstatt eine revolutionäre Lösung zu erzwingen.

24. September 1943: Neapel erlebt die exekutierte Räumung des Küstenstreifens

In den Tagen nach dem Waffenstillstand vom 8. September 1943 radikalisierte die deutsche Besatzungsmacht in Neapel ihre Zwangsmaßnahmen. Während die schriftliche Anordnung des Kommandos zwar auf den 23. September datiert wird, setzten Behörden und Truppen am 24. September die sofortige Räumung aller Wohnungen in einer 300‑Meter‑Zone entlang der Küste – vom Hafen bis nach Posillipo – faktisch durch. Zeitgenössische Zeugnisse, darunter ein detailliertes Tagebuch, und städtische Chroniken verorten den 24. September als Tag der Umsetzung, an dem Zehntausende binnen Stunden zu Binnenflüchtlingen wurden. Das Maßnahmebündel – Küstenräumung, Ausweitung des Arbeitszwangs – wirkte als Katalysator der Quattro giornate di Napoli, die am 27./28. September in die offene Erhebung übergingen. Autoritative Darstellungen und Erinnerungsorte der Resistenza stützen diese Chronologie.

24. September 1897: Luigi Tosti stirbt als Benediktiner und Historiker in Montecassino

Am 24. September 1897 starb in der Abtei Montecassino Luigi Tosti, ein Benediktiner, der als Historiker die katholisch‑liberale Programmatik des 19. Jahrhunderts mit quellenstarker Gelehrsamkeit verband. Treccani verzeichnet den Todestag ebenso wie die Abtei‑Geschichte; die Catholic Encyclopedia bestätigt die Datierung. Mit Werken wie der Storia della badia di Montecassino, der Storia di Bonifazio VIII und der Storia della Lega lombarda übersetzte Tosti Geschichtsschreibung in nationale Selbstverständigung. Sein Eintreten für eine Ausgleichslinie zwischen italienischem Staat und Papsttum verortet ihn an der Schnittstelle von Kloster, Politik und Öffentlichkeit – eine Stimme, die an diesem 24. September verstummte, deren Wirkung jedoch in die Debatten um die „Conciliazione“ hineinragte.

Ein Datum, viele Geschichten

Straße und Staat, Armee und Archiv, Werkhalle und Kloster: Am 24. September kreuzen sich in Italien unterschiedliche Erfahrungsräume. In Umbrien schrieb sich 1961 eine Kultur der Gewaltfreiheit ein; 1860 entschied die Kanone vor Ancona über Grenzziehung und Integration; 1920 regelte eine Abstimmung die Rückkehr von der Selbstverwaltungspraxis zur industriellen Ordnung; 1943 kippte die Logik der Besatzung unter dem Druck einer exekutierten Zwangsmaßnahme in den Aufstand; 1897 erlosch in Montecassino eine Stimme, die den Streit von Thron und Altar historisch zu versöhnen suchte. Der 24. September liefert keine letzte Antwort, aber belastbare Bezugspunkte, an denen Italien seine politische Kultur und seine demokratische Gegenwart misst.

Redakteurin: Mira Cadena (Artikel mit KI-Unterstützung).

Quellen